CLOSE TO ME

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Ausstellungstext „CloseToME“, Husum 2016

Close to me zu Deutsch: dicht bei mir, nahe an mir dran, auch mir nahegehend, so lautet der Titel, den die Künstlerin Linde Hartmann dieser Ausstellung gegeben hat.
Sie wählte für die Ausstellung im Husumer Kunstverein Werke der letzten sechs Jahre. Dabei handelt es sich um Malerei, Grafik und Fotografie, hinzu kommt - nur zur Vernissage - auch eine Videoarbeit der Künstlerin mit dem Titel „Gezwitscher“.
Impressionen einer sommerlichen Wiese auf der Insel Sylt als Bild - und Toncollage.

Man ahnt, dass die Wahrnehmung von Natur eine entscheidende Rolle in Linde Hartmanns Werk spielt. Alle Sinne sind gefragt. Und um dies zu transportieren, bedient sich die Künstlerin unkonventionell aller ihr passend erscheinenden Mittel und Techniken.

So geht es Frau Hartmann bei ihren fotografischen Arbeiten nicht um perfekte Technik, um genauest mögliche Wiedergabe eines Sujets in Form und Farbe, sondern im Gegenteil um den kurzen, momentanen Stimmungseindruck. Vergleichbar einer Skizze. Einem Auf- und Zuklappen des Augenlides. Sie sind bewusst unscharf, verpixelt oder verwischt und bilden damit schon einen ersten Schritt der Umsetzung in eine andere Formensprache.
Ein Dialog der Flächen und Formen kennzeichnet Linde Hartmanns Bilder, in denen mal das Malerische, mal das Grafische überwiegt. Wie ein Tanz wirken manche Werke, rhythmisch leichte Vorhänge schweben vor einem rätselhaft tieferen Hintergrund.

Das Serielle erleichtert es, Deutungslinien zu erschließen. Wesentliches wiederzuerkennen, aber auch immer neue Fragen an das Werk zu stellen.
Kontraste ergeben sich durch die Arbeit auf sich überlagernden Ebenen. Hier Überfülle, dort Reduktion. Hier flächig Malerisches, dort Punkt und Linie. Der Übergang bleibt fließend und gibt manchem Bild etwas Unendliches.
Die Abstrahierung von Naturformen, die sich verselbständigen, erklärt sich aus einer Deutungsweise des Titels „Close to me“. Ganz nah dran, gibt es eben keine Komposition einer Landschaft oder eines Stilllebens im herkömmlichen Sinne.

Ebenso wertet die Künstlerin alles vom Auge Erfasste zunächst gleich stark. So sind die Flächen, welche für die Alltagswahrnehmung als Zwischenraum oder Hintergrund rational bedeutungslos sind, der Künstlerin ebenso wichtig wie der ursprüngliche Bildanreiz es z. B. in Form einer Blüte gewesen sein mag.
Es finden sich jedoch durchaus auch Werke, für die dieses nicht gilt. So entdeckt man hier und dort eben doch so etwas wie eine Horizontlinie. Und spiegeln sich da nicht etwa Stämme im Wasser eines Teiches? Gebäudeteile leuchten zwischen der Vegetation hervor.
Ja, und dann wird es ganz konkret: Hühner sind unterwegs auf Nahrungssuche, aber wo? Zwischen japanisch wirkendem winterlichen Geäst. Oder in einem PopArt- Rinnstein. Und was sind das für weiße Flocken? Eigenartig.

Zu Japan hat Linde Hartmann sehr wohl einen Draht. Und das sieht man einigen Werken auch an. Nicht nur den schwarz-weißen abstrahierten Blüten oder den grautönigen Blättern, die dem Fischschwarm in einem Teich gleichen. Einige der eher grafischen Bilder ähneln Suchbildern für Kinder. Jeder Blick offenbart wieder neue Figürchen. Figurendarstellungen von der Büste bis zum Wimmelbild finden Sie neben einigen fotografischen Arbeiten im zweiten Stock.

„Mein Arbeitsgerät erfinde ich mir selbst“, verrät die vielseitige Künstlerin, die sich nicht auf einen Stil als „Markenzeichen“ festlegen möchte. Trotzdem ist der Wiedererkennungswert ihrer Arbeiten groß.
Alle ihre Werke sieht sie für sich als Objekte der Kommunikation. Diese findet statt zwischen Motiv oder besser: Bildanreiz, Umsetzungsprozess, Kunstwerk und Rezeptionsprozess. Das Entdecken spielt dabei eine entscheidende Rolle. Hierzu möchte ich die Künstlerin zitieren: „Es freut mich immer wieder, wenn ich mich selbst überraschen kann, indem ich etwas sehe, was ich vorher so noch nicht gesehen habe.“

Der Wandel, dem die Natur unterworfen ist, steht in enger Beziehung zu dem Wandel, den das sogenannte innere Bild durchläuft. Im Abgleich zwischen Beobachtung, Erinnerung, innerem und äußerem Perspektivenwechsel und unterschiedlicher Gewichtung einzelner Bildaspekte entstehen immer neue Spannungsfelder, die zu weiteren Assoziationen führen. Das gibt Linde Hartmanns Bildern eine Frische und Verspieltheit, die zum Träumen anregt und den Betrachter ins Reich der Fantasie entführen kann. Close to me – im Sinne von close up: nahe rangehen, das tun Kinder auch. Sie begreifen und nehmen ihre Umwelt auf, ohne Vorwissen, ohne Schubladen zu haben, in die sie das Erfasste sofort einordnen und ad acta legen, wie wir Erwachsene es doch im Alltag dauernd tun müssen.

Man erinnere Novalis berühmte Zeilen: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen ...“
Die Kunst bietet eine Alternative. Hilft uns, anders wahrzunehmen. Gewährt uns eine Auszeit zu Alltagsgewohnheiten, hilft uns weg von Hektik und Stress. Öffnet uns die Augen zu neuen alten Wundern.

Viel Freude beim Erleben der Bilder!

Andrea Claussen